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Nach einem Impulsreferat von Alexander Götz, JOE-fixe Berlin

anlässlich der Veranstaltung
"Wo sind die besten Köpfe für Mittel- und Osteuropa - Berliner Perspektiven für Jungen Osteuropa Expert/innen im erweiterten Europa"

Dienstag, dem 21.10.2003, 19 Uhr im Jean-Monnet-Haus, Bundesallee 22, Berlin

gesamter Aufsatz als pdf-Datei (48KB) - Download des Adobe Readers zum Lesen der Datei

***
Mit diesem Text möchte ich - entlang eines Impulsreferates, das ich zu der oben genannten Veranstaltung am 21.10.03 gehalten habe, vor allem den folgenden Fragen einmal grundsätzlich nachgehen:

  • Was steckt hinter dem Phänomen der "Jungen Osteuropa Expert/innen", was ist das Erfolgsgeheimnis der "JOEs"?

  • Welche Eigenschaften, welche Motivationen sind es eigentlich, die uns zu "JOEs" machen?
  • Warum gibt es gerade in Berlin und Brandenburg so Viele, die sich als JOEs bezeichnen?

  • Was tun wir JOEs hier in Berlin/Brandenburg?
  • und schließlich

  • Welchen Beitrag wollen wir JOEs zur Neugestaltung der Hauptstadtregion und ihrer Nachbarschaft leisten?

Die Bezeichnung "JOE" ist längst zu einer Marke, zu einem Label geworden, das eine bestimmte Sorte Menschen zusammenführt und zusammenhält. Darin liegen Chancen und Potentiale, die es zu nutzen gilt. Deshalb lohnt es sich, diesem Phänomen einmal auf den Grund zu gehen.

Die Marke "JOE" bezieht sich nicht nur sowohl auf Deutsche als auch auf Menschen aus Mittel- und Osteuropa. Sie bezieht sich auch, so paradox das klingen mag, sowohl auf Jüngere als auch auf Ältere und sowohl auf Fachleute als auch auf einfache Osteuropa-Fans.
Der Anteil von Menschen mit einem Mittel- oder Osteuropäischen Lebenshintergrund beträgt bei den JOEs etwa ein Drittel, die anderen zwei Drittel sind Deutsche, die durch Studium, Beruf, Reisen oder durch persönliche Kontakt intensiv mit Mittel- und Osteuropa in Kontakt gekommen sind.

In der Bezeichnung "Junge Osteuropa Expertin" oder "Junger Osteuropa Experte" ist an und für sich jedes einzelne Wort problematisch, denn:

  • Der Begriff "Jung" ist bekanntlich sehr dehnbar
  • Über den Begriff "Osteuropa" kann und muss man immer wieder streiten: Gehören Sibirien, Kasachstan oder Azerbajdzhan dazu? Liegt denn Slowenien überhaupt im Osten? Wo hört Mitteleuropa auf - wo fängt der Osten an? Und so weiter und so weiter!
  • Der Begriff "Experte" schließlich ist bekanntlich völlig ungeschützt und daher ebenso dehnbar wie die Bezeichnung "Jung"

Trotzdem funktioniert das Label "Junge Osteuropa Exper/innen - JOEs" in genau dieser Zusammenstellung ganz hervorragend. Allein im Netzwerk JOE-fixe sind nach heutigem Stand über 850 bekennende JOEs aus 370 Berliner und Brandenburger Institutionen miteinander verbunden. Sie arbeiten und engagieren sich in den Bereichen Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Verwaltung, Kultur und Medien.

Liegt das vielleicht einfach daran, dass einerseits die Zugangsschwelle zur Gemeinde der JOEs durch den Begriff "jung" sehr niedrig gehalten wird und andererseits mit dem Begriff "Experten" ein gewisser Anspruch verbunden ist?
Nehmen wir diesen Erfolg des Labels "JOE" am besten zunächst einmal nur zur Kenntnis und fragen wir uns weiter:

Wer ist "JOE" und warum? Oder besser: Was unterscheidet uns JOEs von anderen?

Dazu möchte ich - mit aller Vorsicht - folgende fünf Kriterien anführen, die auf die meisten von uns zutreffen:

  1. Wir JOEs haben seit 1989 einen direkten, persönlichen und ungehinderten Zugang zu den Ländern Mittel- und Osteuropas - und wir nutzen diese neue Freiheit des Reisens, wann immer es uns möglich ist
  2. Wir haben recht originelle Sprachkenntnisse. Oft sprechen wir Sprachen, die andere kaum buchstabieren können.
  3. Durch Arbeits- und Studienaufenthalte verfügen wir über Kenntnisse der Alltags- und Geschäftskultur unserer Zielländer. Diese Kenntnisse sind ja heutzutage als "interkulturelle Kompetenz" sehr in Mode.
  4. Kompetenzen, die häufig bewundert werden aber für sich genommen nur selten ausreichen um einen Traumjob zu ergattern.
  5. Und fünftens teilen wir alle die Überzeugung, dass die Länder Mittel- und Osteuropas genauso zu Europa gehören wie Spanien oder Dänemark!

Kommen wir zu unserer nächsten Frage: Warum gibt es gerade in Berlin und Brandenburg so viele JOEs?

Es ist ja schon erstaunlich, dass es in keiner anderen Region Deutschland eine solche Dichte an JOEs gibt wie hier. Zwar sind die JOEs überall in Deutschland gut vernetzt. Es gibt regelmäßige Treffen in Hamburg, Köln und München. Aber während dort jeweils zehn bis zwanzig JOEs beisammen sitzen, beteiligen sich an den Treffen von JOE-fixe hier in Berlin/Brandenburg Monat für Monat über hundert Personen!

Die große Zahl an MOE-Interessierten hat natürlich mit der geographischen Nähe, insbesondere zu Polen zu tun. Verlockend auf JOEs aus der ganzen Republik wirkt außerdem die große Zahl von mit Mittel- und Osteuropa befassten Institutionen und die unüberschaubare Menge von Veranstaltungen zu diesem Thema.

Insbesondere die Wissenschaftslandschaft hat in Berlin und Brandenburg einen starken MOE-Bezug. Man denke nur an die renommierten Slawischen Seminare der Humboldt-Universität oder der Universität Potsdam, an die MBA-Studiengänge der Viadrina in Frankfurt an der Oder, an das Osteuropa-Institut der FU und an vieles Andere.

Natürlich hoffen wir sehr, dass dieses Potential erhalten bleibt. Die jüngsten Meldungen über den Abbau von 10.000 Studienplätzen lassen uns dabei Schlimmes befürchten. Eine wichtige Motivation für JOEs nach Berlin zu kommen ist natürlich auch die Hoffnung auf Arbeit im Umfeld von Regierung und Parlament! Eine noch viel größere Rolle als dies Alles spielt aber wohl eine Reihe von "weichen" Faktoren: Da ist zunächst die große Zahl von Menschen aus Mittel- und Osteuropa. Allein je über 100.000 Russen und Polen sollen in Berlin leben.
Einmalig ist hier auch die MOE-Kultur in allen Sparten und Sprachen. Nicht zu unterschätzen ist schließlich das Image Berlins als offene, unkonventionelle, tolerante und damit interessante Stadt. Und nicht zu vergessen: Es sind schon viele JOEs hier, mit denen man Kontakt aufnehmen kann!

Aus all diesen Gründen zieht es immer mehr JOEs in die Hauptstadtregion. Die Frage ist nur: Sind sie hier auch willkommen? Finden Sie die Jobs auf die sie hoffen? Sind sich die beiden Bundesländer Berlin und Brandenburg des großen Potentials überhaupt bewusst, dass in der beschriebenen MOE-Kompetenz im Allgemeinen und in den JOEs im Speziellen liegt? Wird diese MOE-Kompetenz gehegt und gepflegt? Hat man den Wettbewerb mit anderen Wissensstandorten um die besten Köpfe überhaupt schon begonnen?

Ich habe gesagt, dass die JOEs ein Potential für die Hauptstadtregion sind. Das führt natürlich zu der Frage, worin dieses Potential besteht.

Was tun die JOEs für Berlin und Brandenburg?

Zur Beantwortung dieser Frage möchte ich noch einmal auf das ehrenamtliche Engagement der JOEs zurückkommen.

Zuerst das erwähnte Netzwerk JOE-fixe. Bis zur Entstehung von JOE-fixe waren die Berliner Akteure auf dem Feld der Zusammenarbeit mit Mittel- und Osteuropa scheinbar in alle Winde zerstreut. Ost und West, Wirtschaft und Wissenschaft, sogenannte Bonner Beamte und alteingesessene Berliner Platzhirsche - kaum einer wusste offenbar vom anderen und wenn doch, dann sprach man trotzdem nicht unbedingt miteinander.
JOE-fixe bietet dagegen seit über zwei Jahren nicht nur einen neutralen Raum für persönliche Begegnungen von MOE-Interessierten bei den monatlichen Treffen. Die Liste der Adressen und Institutionen der 850 JOEs ist bis heute das umfassendste existierende Verzeichnis der Berliner Mittel- und Osteuropa Szene. Alleine diese kostenlose und hoch effiziente Vernetzung bedeutet für MOE-Projekte in Berlin einen großen Vorteil. Und dieser Vorteil wird von Hunderten von Akteuren regelmäßig genutzt!

Ein ganz konkretes Beispiel dafür: Vor vier Wochen rief mich ein junger Unternehmer an, der eine Muttersprachlerin brauchte um tschechische Unternehmen per Telefon für eine internationale Fachmesse anzuwerben. Mit Hilfe von JOE-fixe konnte ich ihm schnell eine geeignete Personen benennen. Die Verbindungen, die JOE-fixe schafft, sind also nicht nur interessant und persönlich angenehm. Sie führen für Berlin und Brandenburg auch zu einem echten Mehrwert in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Kultur!

Betrachten wir als weiteres Beispiel die JOE-Plattform Berlin. Der Verein mit seinen schon über 100 Mitgliedern und derzeit zwölf Arbeitskreisen ist erst im Februar dieses Jahres gegründet worden. Denn einige JOEs wollten über die Treffen und die Kontaktliste des Netzwerkes JOE-fixe hinaus bestimmte Projekte in Eigenregie durchführen.
Auch hierfür ein paar konkrete Beispiele:

  • Der AK MOE-Kompetenz für Schulen vermittelt Vorträge kompetenter Fachleute an Berliner und Brandenburger Schulen um die Schülerinnen und Schüler für das Thema MOE zu interessieren oder auf Berufschancen und Ausbildungsmöglichkeiten in diesem Bereich aufmerksam zu machen
  • Der AK Berlin-Szczecin bietet regelmäßig Fahrten in die benachbarte Hafenstadt an um gerade solche Menschen mit Polen in Berührung zu bringen, die bislang nie auf die Idee gekommen sind, auch einmal einen Ausflug nach Osten zu machen!
  • Der AK Kulturnewsletter verschafft allmonatlich allen Kulturinteressierten einen Überblick über die sehr bunte, aber auch sehr unübersichtliche Berliner und Brandenburger MOE-Kulturszene
  • Der AK Recht ist ein Forum für die vielen Fachjuristinnen und Fachjuristen der Stadt, die sich in ihren Instituten und Kanzleien mit der Rechtsentwicklung in Mittel- und Osteuropa befassen.

Ich will diese Reihe nicht länger fortsetzen. Vielleicht kann Michael Kraack als Vorsitzender des Vereins ja gleich noch etwas dazu sagen. Ich möchte hier aber noch ein paar Beispiele anderer Akteure nennen:
Der Verein Copernikus e.V. betreut Stipendiatinnen und Stipendiaten aus Mittel- und Osteuropa während ihres Aufenthalts in Berlin.

Horizont e.V. - macht als Verein ehemaliger Freiwilligendienstleister Werbung für die Ableistung von freiwilligem Ersatzdienst in Mittel- und Osteuropa.

Die Regionalinitiative Ostblick e.V. vertritt die Interessen von Osteuropa Studierenden in Berlin und Brandenburg.

Der Polentreffpunkt bringt Monat für Monat Menschen zusammen, die sich für mehr deutsch-polnische Kontakte engagieren wollen.

Auch wenn dies nur eine willkürliche Auswahl ist: Sie zeigt,

  • dass wir uns als Junge Osteuropa Expertinnen und Junge Osteuropa Experten in Berlin und Brandenburg engagieren
  • dass wir dabei helfen, die Beziehungen zu unseren Nachbarn in Europa auszubauen und zu vertiefen.
  • Und die Beispiele beweisen auch:

  • Wir warten auf keinen Masterplan Ost
  • Wir warten nicht auf staatliche Finanzierung
  • sondern wir beginnen dort, wo wir selbst etwas beitragen können.

Man könnte das - frei nach Kennedy - auf die Formel bringen:

Wir fragen nicht was Europa für uns tun kann, wir fragen, was wir für Europa tun können.

Meine Aufforderung an uns alle in Berlin und Brandenburg lautet angesichts dessen:

  • Nutzen wir gemeinsam die neuen Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Mittel- und Osteuropa
  • Begreifen wir dabei Berlin und Brandenburg als Einheit und Interessengemeinschaft
  • Nehmen wir auf diesem Weg auch die Menschen mit, die bislang noch skeptisch sind
  • Reden wir offen mit ihnen über ihre Ängste und Befürchtungen
  • Arbeiten wir aktiv an der Erhaltung und dem Ausbau der vorhandenen Infrastruktur des Wissens
  • Gehen wir gemeinsam auch neue Wege der Wissensvermittlung in Schule, Universitäten und in der beruflichen Bildung
  • Aktivieren und unterstützen wir die Wirtschaft unserer Region für die Nutzung der vorhandenen Chancen

Und mein Appell ganz speziell an uns JOEs lautet:

  • Lasst uns die begonnene Arbeit in unseren Vereinen, Initiativen und Netzwerken fortsetzen und intensivieren!
  • Lasst uns weiter mit vielen kleineren und größeren Projekten neue Verbindungen nach Mittel- und Osteuropa knüpfen!
  • Lasst uns gemeinsam und selbstbewusst den laufenden Prozess der Veränderung Europas mitgestalten


  • Das ist unser Marsch durch die Institutionen!

  • Das ist unser Weg etwas zu verändern!

  • Das ist unser Beitrag zu einer wirklichen Vereinigung der Menschen in Osten und Westen Europas!

Alexander Götz


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* letzte Änderung: 15.01.2004

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